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Eine Revolution der Physik?

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Beliebigkeit der Therapie?

Erstaunlich, dass die genannten Krankenkassen sowohl die Homöopathie als auch die anthroposophisch erweiterte Heilkunst als wirksame Therapien betrachten, die von ihnen bezahlt werden: Stelle ich mich auf den Standpunkt einer dieser Therapien, so erscheint mir die jeweils andere folgendermaßen:

Stehe ich auf dem Standpunkt der Hahnemann-Homöopathie, dann erscheint die anthroposophisch erweiterte Heilkunst als esoterische Scharlatanerie, weil sie die entscheidenden Voraussetzungen, das Simile-Prinzip und die Arzneimittelprüfung am Gesunden nicht kennt. Vielmehr ist die Arzneimittelwahl an die Weltanschauung der Anthroposophie gebunden; eine weltanschauliche Bindung wird jedoch von Hahnemann ausdrücklich abgelehnt.

Stehe ich auf dem Standpunkt der anthroposophisch erweiterten Heilkunst, dann erscheint die Hahnemann-Homöopathie als platter Materialismus, weil sie die entscheidenden Voraussetzungen, die viergliedrige Einteilung des Menschen und den Einfluss des kosmischen Geschehens nicht kennt.

Revolution der Physik?

„Mensch, reg dich auf! Was du siehst, hat noch keiner gesehen!“ lässt Brecht den Galilei seinem Freund Sagredo nach der Entdeckung der Jupitermonde zurufen (Brecht 1963, 3. Bild). Galilei hatte soeben ein Weltbild falsifiziert, das nur auf Hypothesen gegründet und noch nicht experimentell geprüft worden war. Seine Aufregung bewirkte, dass er das Buch „Der Sternenbote“ schrieb, das noch im selben Jahr erschien und alle Zeitgenossen zur Prüfung seiner Beobachtungen aufrief. Die Aussage, dass die Eigenschaften einer Lösung durch Schütteln geändert werden, ist von ähnlicher Tragweite wie die Entdeckung der Jupitermonde. Sie weist der Physik und Chemie, den Grundlagen der Wissenschaft und Technik des 20. Jahrhunderts, grobe Unvollständigkeit nach. Das soll man nicht nebenbei unterschreiben, danach darf man nicht ruhig schlafen, da soll man sich aufregen.


Die Herstellung homöopathischer und anthroposophischer Arzneimittel unterscheidet sich grundlegend von pharmazeutischen Verfahren.


Als Hahn und Straßmann 1939 zu ihrem größten Erstaunen bemerkten, dass beim Beschuss von Uran mit Neutronen etwas Neues entsteht, nämlich Barium, regten sie sich zu Recht auf und publizierten umgehend. Was sie entdeckt hatten, erwies die bisherige Physik als grob unvollständig:

die Kernspaltung. Wenn beim Schütteln einer Lösung etwas Neues entsteht, sei es eine geistartige Kraft, sei es – wie von vielen Homöopathen behauptet – ein stabiler Verband der Lösungsmittelmoleküle (Arndt 1996), dann wäre dies womöglich ebenso folgenreich wie die Entdeckung des Bariums.

Die Tatsache, dass einige Krankenkassen die Kosten für mehrere der oben beschriebenen Heilmethoden erstatten, obwohl sie völlig verschiedene, teils widersprüchliche Grundlagen haben und jede von ihnen die Physik als grob unvollständig hinstellt, erweckt den Eindruck, dass die uns Wissenschaftlern selbstverständliche Forderung, ein System müsse nach innen und außen stimmig sein, bei den Entscheidungen der Politik und der Krankenkassen über die Finanzierung der besonderen Therapierichtungen keine Rolle spielt. Womöglich sind die Krankenkassen heute kaum noch Solidargemeinschaften auf dem Fundament schulmedizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern vielmehr Konsumentenvereinigungen auf Glaubensbasis. Dass das Sozialgericht Lübeck Ende 2000 der Securvita das Recht zusprach, ihren Mitgliedern auch weiterhin die Kosten für Behandlungen durch Hochpotenz-Homöopathie und anthroposophische Medizin zu erstatten (wogegen das Bundesversicherungsamt geklagt hatte), weist in diese Richtung (Aktenzeichen S8 KR 167/99 ER 2). Gerade in der augenblicklichen politischen Debatte um die langfristige Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems wäre es wünschenswert, wenn Krankenkassen und Gesundheitspolitiker zu den in diesem Artikel herausgestellten Aspekten klar Stellung bezögen.

 

  
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